Ob die Dummen glücklich sind und die Schlauen Depressionen haben?

Jedem selbstreflektierenden Denker stellt sich während einer Identitätskrise die Frage, die sich sicherlich schon die alten Philosophen gestellt haben und die schon um 1800 der Theologe Alexandre Vinet als Tatsache feststellte: „Die Traurigkeit ist das Los der tiefen Seelen und der starken Intelligenzen.“

Führt also das Nachdenken, das kritische Reflektieren zu Depressionen oder genereller Unzufriedenheit? Ist es so, dass dem Ungebildeten eine gewisse Zufriedenheit innewohnt, weil er es, so sagt man, nicht anders kennt?

Ist das Käfighuhn glücklich, weil es nur den Käfig kennt, das Freilandhuhn aber traurig, wenn es für einen Abend in einen Stall gesperrt wird, weil der Fuchs umgeht? Und sind solche und andere Analogien wirklich zutreffend, um die Methodik der „Liebe zur Weisheit“ anzukreiden?

Das Käfighuhn kann niemals zum Glücke gelangen, wenn es wider seine Natur gehalten wird und so kann auch der Mensch niemals wirklich glücklich werden, wenn wider seiner Natur nicht nachdenkt. Doch das Nachdenken beim Menschen, das freie Leben beim Huhn kann auch zur Melancholie führen, zweifelsohne.

Doch muss zuallererst das generelles Ziel derartiger Aphorismen jedoch hinterfragt werden. Ist der Ausspruch solcher Aphorismen eine Entschuldigung, nicht weiter nach Höherem zu streben und auf Status Quo zu verbleiben oder ist es nur der Ausdruck eines Kopfes, dessen Seinskrise die Wirklichkeit benebelt?

Sei es das Zweite, so sei dem Grübler ein Wort des Aufbauens mitgegeben. Es kommen wieder bessere Zeiten und die Zeit des Glücks und der inneren Zufriedenheit ist das vollkommenste Gefühl der menschlichen Wahrnehmung.

Sollte solch ein Ausspruch jedoch dazu führen, dass der Mensch sich widernatürlich des Denkens verweigert, gefährdet dies die Integrität der Gesellschaft, denn der Prozess der gesellschaftlichen Evolution kann nur durch wache Geister fortgeführt werden.

Ich kann an dieser Stelle nicht aus philosophischer Sicht argumentieren, ich bin kein Philosoph und meine Ambitionen in philosophischer Hinsicht sollten nicht überbewertet werden. Ich reflektiere nur. Ich bin ein Mensch, der vieles und insbesondere sich selbst stets hinterfragt. Ich stelle das infrage, was ich getan habe und betreibe eine intensive Analyse der Konsequenzen meines Handelns. Und in diesem Prozess stehe ich häufig an einer Stelle, an der ich mir selbst nicht mehr Freund sein kann und mich für mein Verhalten verurteile. Soweit ist das normal.  Das ist meiner Meinung nach genau das, worauf Freuds allgemein bekanntes Persönlichkeitsmodell abzielt.

Das hat zur Folge, dass ich meine Umgebung und mein Umfeld sehr intensiv wahrnehme. Und die gesteigerte Intensität der Wahrnehmung bei konsequenter Reflektion lässt sich – zumindest bei mir – in unveränderter Form auf die Intensität der Gemütszustände übertragen. Als ich mich noch nicht so viel mit mir beschäftigt habe, hatte ich weitaus weniger Gefühlsausbrüche – in welche Richtung auch immer.

So kann ich auf meiner Arbeit, der ich mit einer gehörigen Portion emotionaler Distanz gegenüber stehe – natürlich weil ich dort nicht eigenständig denken und handeln kann, ich stehe ja in der Hierarchie nicht hoch genug dafür – niemals derart unglücklich oder glücklich werden, wie ich das in meinem Privatleben kann. Wenn ich im Rahmen meiner Freizeitgestaltung eine Veranstaltung organisiere, plane, durchführe und leite, kann ich mich dort vollkommen hineinsteigern, ich erlebe den Stress, die Erleichterung und die Anspannung in voller Intensität. Mache ich etwas Ähnliches auf der Arbeit, ist das niemals so intensiv, viel distanzierter und gleichgültiger.

Was will ich damit aussagen? Die Selbstreflektion, das direkte Auseinandersetzen mit den eigenen Wahrnehmungen und Gefühlsregungen führt dazu, dass der gesamte Wahrnehmungsapparat geschärft wird. Menschen, die so agieren, können oftmals als sensibel oder schüchtern bezeichnet werden. Hinter diesem Verhalten steckt jedoch oft nur die Überforderung mit den Eindrücken der Umwelt, die dann mit einer Abwehrreaktion beantwortet wird. Eine andere solche Reaktion ist das Errichten einer Mauer um sich herum,  bei mir ist es eine offensive Extrovertiertheit, mit der ich mich schütze – denn der reflektierende Mensch ist durch äußere Eindrücke verletzlich.

So erklärt sich natürlich auch die dem wachen Geist vorgeblich anheftende Melancholie. Sie ist ein Ausdruck dieser intensiven Gefühlswahrnehmung. Der wache Geist mag depressiver sein, als der schlafende, doch ist er im gleichen Verhältnis auch glücklicher. Ohne eine Beschäftigung mit dem Sein ist ein intensiver Sinneseindruck niemals möglich und folglich bleibt auch die Variation der Gemütszustände auf einem stets durchschnittlichen Level. Oder: Die Höhen und Tiefen der Gemütsregungen sind ohne das Nachdenken, ohne wachen Geist und ohne sogenannte Intelligenz nicht wahrnehmbar.

 

Titel: Frei nach Marc-Uwe Kling  | Zitat: Alexandre Vinet, „Die Freude“

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