End of an Era – Pt. II

Hintergrund: Ich stehe vor einem großen Umbruch und werde im Herbst nicht nur von meinen Eltern wegziehen, sondern auch meinen Lebensmittelpunkt inklusive Studium c.a. 70km weiter südlich verlagern. Entsprechend viel befindet sich bei mir im Umbruch. Diese Serie von Blogeinträgen erzählt darüber.

Wenn man diese Serie als einen Dreiakter betrachtet, würde jetzt die Phase der Entwicklung und des Höhepunktes kommen. Andererseits würde demnächst die Katastrophe folgen. Fakt ist jedenfalls, dass ich seit dem 22.09. nicht mehr arbeite. Durch Resturlaub und Überstunden konnte ich mein FSJ eine Woche vor dem geplanten Ende abschließen und bin jetzt seit einigen Wochen zu Hause, bis es dann demnächst an den Auszug geht. Zeit, das FSJ mal Revue passieren zu lassen.

Alles fing damit an, dass ich in die Stadtbibliothek kam, herzlich empfangen wurde und mich erstmal in das Arbeitsleben hereinfuchsen musste. In der letzten Zeit in der Schule hatte ich noch 31 Wochenschulstunden und es fielen auch gerne mal noch welche aus; ich war oftmals schon gegen 14 Uhr zuhause und konnte mir die ganze Lernerei für Klausuren und Abiturprüfungen frei einteilen und zu den Zeiten arbeiten, an denen ich wollte. Jetzt war ich 39 Stunden pro Woche am Arbeitsplatz, brauchte aber abends nichts mehr tun. Das war eine sehr große Umstellung für mich und führte dazu, dass ich abends auch tatsächlich gar nichts mehr gemacht habe und nur noch auf dem Sofa lag – zumindest in der Anfangsphase.

Die Arbeit selber war eine tolle Sache. Ich hatte in meiner Einsatzstelle, der Stadtbibliothek in Gießen ein sehr vielfältiges Arbeitsfeld, mein Schwerpunkt war die Interkulturelle Bibliotheksarbeit, in der ich einiges bewegt habe und im ersten halben Jahr insbesondere die Konzepte, die mein Vorgänger erarbeitet hatte, praktisch umgesetzt habe. So ging es zum Beispiel um mehrsprachige Informationsmaterialien, einen Englischkurs für Bibliotheksmitarbeiter und eine Sprachlernstation, an der Migrant_innen die Möglichkeit gegeben wird, sie mittels Sprachlernsoftware beim Erlernen der deutschen Sprache zu unterstützen. Nebenher war ich dann auch an für ganz normalen Tätigkeiten in der Bibliothek zuständig. Ich habe Bücher eingebunden, Bücher katalogisiert, Signaturschildchen geklebt und natürlich morgens die zurückgegebenen Bücher zurück in die Regale gestellt. Besonderen Spaß hat es mir gemacht, an der Theke zu sitzen, Bücher auszuleihen und zurückzunehmen und da dann auch irgendwann zu sehen, welche Bücher sehr beliebt sind und wie verschieden die Fragen sind, die uns gestellt werden. Auch was die Onleihe angeht, habe ich an der Theke immer gerne viel geholfen.

Im zweiten halben Jahr gab es dann die Führungen für Integrationskurse. Bei uns ist es tatsächlich so, dass jeder Integrationskurs der Volkshochschule eine Bibliotheksführung bekommen sollte – das hieß für mich, dass ich über 100 Migrant_innen durch die Bibliothek geführt habe und das war wirklich eine sehr spannende und wundervolle Aufgabe. Nicht nur, weil die Kurse so unterschiedlich waren, sie waren ausnahmelos guter Laune, haben oftmals viel gelacht waren mit viel Interesse und noch mehr Engagement dabei, viele haben sich direkt angemeldet und einige von ihnen habe ich in den nächsten Monaten immer wieder in der Bibliothek gesehen. Das war eine tolle Erfahrung, sich mit ganz einfachen Worten und Sätzen, manchmal noch mit ein wenig Englisch und viel anschaulichem Vorführen verständig zu machen und es hat mich vor allem gefreut, mal richtig herausgefordert zu werden, mal eine ganz andere Art von Herausforderung kennen zu lernen. Diese positive Energie, die diese Gruppen ausstrahlten und die große Begeisterung, mit der sie die Angebote auch genutzt haben, haben mein FSJ wirklich bereichert. Und das Feedback, das ich erhalten habe, war ebenfalls überwältigend – vielen lieben Dank dafür!

Es war auch einfach ein tolles Gefühl, ein Jahr unter Büchern zu verbringen. Ich habe mich in dem Jahr auch darum gekümmert, unseren Bestand an englischen Büchern auszusortieren und durfte dann auch die Neuanschaffungen einarbeiten – dabei bin ich über einige Schätzchen gestoßen, ich habe einige Neuerscheinungen, die ich mir sonst nicht gekauft hätte, gelesen und hatte eigentlich immer zumindest ein Buch aus der Bibliothek zuhause. Das war eine tolle Zeit mit so vielen Ideen, was man lesen könnte und so vielen spannenden Büchern – und ich werde auch sicherlich mal schauen, dass ich häufiger mal zu Gast in der Bibliothek meiner neuen Heimatstadt sein werde.

Eine Sache muss ich noch erwähnen, eine Sache, die mein FSJ zu der tollen Erfahrung gemacht hat, die es war: Die Seminare. Zu einem FSJ gehören 25 gesetzlich vorgeschriebene Seminartage. Unsere Seminargruppe war eine bunte Mischung aus vielen verschiedenen Kulturell engagierten Freiwilligen, von Bibliothek, Museum, Schloss, Zoo bis hin zur Jugendarbeit waren ganz viele tolle Menschen mit tollen Einsatzstellen in dieser Gruppe, die von einem tollen Teamer geleitet wurde. Gemeinsam haben wir Kultur erlebt, viel gelacht, viel unternommen, viel gesprochen und haben unsere Seminartage zu einer tollen und wertvollen Zeit gemacht. Ich bin froh, dass wir unsere Vielfalt in unserem Jahresprojekt dokumentiert haben. Danke an euch für die tolle Zeit – und natürlich auch ein großes Danke an meine Einsatzstelle, die mir diese Erfahrungen erst ermöglicht hat.

Was bleibt von diesem Jahr übrig? Eine ganze Menge Erfahrungen, die ich vielleicht erst in ein paar Jahren wirklich zu schätzen weiß. Es war eine tolle Zeit, es war ganz wichtig, mal zu erfahren, wie eigentlich die Arbeitswelt aussieht, was es heißt, 39 Stunden in der Woche zu arbeiten und was das eben auch für Veränderungen – im Vergleich zur Schule und wahrscheinlich auch zum Studium – mit sich bringt: Frappierende. Es war wichtig und wertvoll für mich, diesen anderen Lebensstil mal ein Jahr lang zu unterbrechen – und dass ich das Glück hatte, das in einem für mich Bücherwurm geradezu paradiesischen Umfeld, war eine super Sache. Danke auch an volunta, meinem Träger, mit dem ich zwar gar nicht so viel zu tun hatte, aber der mich trotzdem, sofern es nötig war, gut durch dieses Jahr begleitet hat.

Jetzt bin ich seit einigen Wochen zuhause, mache meinen Führerschein und nebenher ein bisschen Urlaub, bereite mich darauf vor auszuziehen und werde euch dann zu gegebener Zeit über den dritten Teil dieses Abschieds, den Abschied vom Elternhaus und der Wahlheimat Wetzlar berichten. Bis dahin.

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